Charakter: Sultan Torsten

In unserer Reihe „Premium-Charaktere zum Gratisdownload“ möchten wir euch heute wieder eine Figur vorstellen, die die Geschichte so (vermutlich) nie geschrieben hat:

BA_Torsten

Geboren als Torsten Milovicz. Die Mutter Renata kam im Rahmen des kommunistischen Bruderstaaten-Ausbildungsprogramms aus Bulgarien nach Jena, um dort Maschinenbau zu studieren. Da Torsten 9 Monate nach dem Tag der Arbeit zur Welt kam, wusste sie, dass sein Vater entweder Uwe B. aus dem Vertrieb des Kombinat VEB Zeiss oder Ronny von FC Stahl Riesa 98 war. Torsten erzählte sie jedoch immer, dass sie seinen Vater beim türkisch-bulgarischen sozialistischen Forum kennengelernt hat.

Renata blieb in Deutschland und so wuchs Torsten in Jena auf, nach der Wende und der Auflösung des VEB bekam seine Mutter eine Stelle bei OPEL in Rüsselsheim und sie zogen in den Westen. Torsten studierte und recherchierte seine Herkunft, die er irrtümlicherweise in der Türkei annahm. Im Folgenden sei sein Lebenslauf tabellarisch umrissen:

  • 1985 Geboren in Jena am 14.03.85
  • 1991 Umzug mit der Mutter nach Rüsselsheim, Grundschule, Gymnasialempfehlung. Kein besonders fleißiger Schüler, ist irgendwo im Mittelfeld anzusiedeln. („Ein guter Beter.“ – Monsignore Schmöler)
  • 1998 Erstes Auftauchen des Spitznames „Sultan“ im Zusammenhang mit einer Klassenfahrt nach Koblenz, bei der eine Moschee besucht wurde
  • 2004 Abitur, Leistungskurse: Religion, Bio. Im letzteren fiel er eher durch Streitigkeiten mit dem Lehrer über die Belegbarbarkeit der Evolutionstheorie auf, denn durch biologische Fachkenntnis (Abiturklausur: 5 Punkte (mit Wohlwollen)).
  • 2004 Kein Wehrdienst, wegen Nierenschaden T3 gemustert und zurückgestellt. Dank Bundeswehrreform auch nie wieder etwas gehört.
  • 2004 Industriekaufmannslehre in Rüsselsheim, jedoch nach einem Jahr abgebrochen.
  • 2005 Umzug nach Berlin zum Studium der Islamwissenschaften oder Ethnologie
  • 2006 Der erste Istanbulbesuch – Auf der Suche nach sich selbst und seinen Ursprüngen, außerdem auf der Suche nach seinem Vater. Erste Kontakte mit dem türkisch-bulgarischen sozialistischen Forum
  • 2007 Fernrecherche zu seinem Vater, enger Kontakt mit den türkischen Behörden und den Mitgliedern des Forums. Im istanbuler Bekanntenkreis etabliert sich ebenfalls der scherzhaft verwendete Spitzname „Sultan Torsten“.
  • 2008 Der zweite Istanbulbesuch – Weitere Recherchen beim sozialistischen Forum lassen den Kreis der möglichen Väter auf 217 schrumpfen. Das größte Rechercheproblem ist der in Bulgarien häufige Vorname „Renata“.
  • 2009 Bachelorabschluss, Titel der Bachelorarbeit: „Selbst-Bild(er) türkischer Immigrantenkinder in der BRD in den Jahren 1998-1999“, in der er auch auf sich selbst referenziert (siehe Bild).
  • 2011 Masterabschluss, Titel der Masterarbeit: „Diskriminierung und Ausgrenzung türkischer Immigrantenkinder unter Gleichaltrigen in Deutschland“
  • 2011 Der dritte Istanbulbesuch – Liste mit 118 Namen möglicher Väter erarbeitet, daraufhin 3-monatige Reise durch die Türkei, um diese Männer zu besuchen. (Kleine Statistik: 45 waren immer ledig geblieben, 24 bereits geschieden, 14 Ehefrauen ließen sich aufgrund Torstens Besuch scheiden. 307 Kinder haben diese Männer gezeugt, von 289 wissen sie)
  • 2012 Start des Doktorats am Institut, weiterhin sehr persönlicher Forschungsschwerpunkt.
  • 2013 Skandal in der Türkei: Bei einer Razzia der Istanbuler Polizei wird das Büro des türkisch-bulgarischen sozialistischen Forums durchsucht und 7 Mitglieder wegen Verdachts der Bildung einer terroristischen Vereinigung festgesetzt. Torstens Name taucht in den Akten auf, die Staatsanwaltschaft Ankara lädt ihn aufgrund der bisherigen Kooperation zur Zeugenaussage ein. Das deutsche Außenministerium rät Torsten von einer Einreise ab, Torsten erhält Einreiseverbot in die Türkei.
  • 2015 Skandal an der Uni: In einem Gespräch mit einem Kommilitonen auf Torstens 30. Geburtstag erwähnt die Mutter die Umstände von Torstens Geburt. Dieser, an Torstens Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter interessiert, gibt diese Information, dass Torstens Vater nicht Türke, sondern doch Ostdeutscher war, an den Lehrstuhlinhaber weiter, der daraufhin Torstens wissenschaftliche Arbeiten prüfen lässt und mit Hinweis auf die zahlreichen falschen persönlichen Referenzen für ungültig erklärt.

 

Im Übrigen atmet Torsten immer sehr schnaufend, wenn er durch die Nase atmet. Es gab da mal eine sehr unangenehme Situation im Zug, als er von einem Mitreisenden darauf angesprochen und geradezu beleidigt wurde. Ihm ist das vorher nie bewusst gewesen, aber daraufhin schämte er sich immer ein wenig, wenn er in der Öffentlichkeit atmete. Auch hatte er große Probleme Sudokus zu lösen. Das Schlimme war, dass er die Regeln leichtens verstand, doch sobald das Lösen ins Praktische übersetzt werden musste, gaben seine Hirnzellen keinerlei Impulse mehr aus. Schon bei den leichten Rätseln fing er an, sich Notizen in die Kästchen zu schreiben, was ihm dennoch nicht weiterhalf sich der Lösung angemessen anzunähern. Dazu sah es auch noch merkwürdig aus, wenn er ein Rätsel irgendwo für andere Menschen einsehbar liegen ließ. Dieses Sudokulöseproblem ist noch ein weiterer Grund, warum er die öffentlichen Verkehrsmittel meidet, wenn er weder Computer noch Buch zur Hand hatte.