Bahnfahrtgespräche

In der Reihe „Berlin-Leipzig-Berlin-Leipzig-und so weiter“ präsentieren wir euch unsere Erlebnisse der einwöchigen Ausdauerbahnfahrt zwischen Berlin und Leipzig.  Nun berichten wir auch mal, was wir auf der Fahrt  so erlebt haben und erzählen von unseren Mitreisenden:

Wer kennt das nicht? Man steigt in den Zug, sucht sich einen Platz, verstaut Gepäck und Habseligkeiten und freut sich auf ein gutes Buch und darauf, die nächste Stunde einfach mal mit der Seele zu baumeln. Und dann setzen sich Menschen zu einem, zwingen einem ein Gespräch auf und stören auch sonst das Idyll. Und genau diese Menschen waren wir. Ha!

Bei der Planung unserer Reise hegten wir den Plan, mit möglichst vielen Menschen zu sprechen, die die Strecke zwischen Leipzig und Berlin befahren. Wir wollten alles über die Beweggründe ihres Pendlertums, über ihre Träume und Hoffnungen erfahren. Und auch, was sie so besonders macht, dass sie in der ersten Klasse reisten. Wie bereits erwähnt, waren wir leider zu sehr mit uns selbst beschäftigt, so dass wir es nur schafften, bei vier Mitreisenden einen Blick in die Seele zu werfen.

Auf einer Fahrt von Leipzig nach Berlin trafen wir eine Iranodänin im Bordrestaurant, die sich auf der Heimreise nach Dänemark befand. Obwohl sie bereits ein Jahr in Leipzig lebte, beherrschte sie im Deutschen lediglich einen Satz: „Einen Cappuccino, bitte“, in dem sogar noch das Verb fehlte! Erstaunlicherweise erging es ihr damit recht gut in Deutschland und sie nutzt ihn auch leidlich für alles in jeder Konversation: sei es auf Feiern, beim Sport oder bei der Bestellung von Tickets oder Essen. Selbst, wenn sie einen Latte macchiato bestellen will – denn auch dafür kennt sie das deutsche Wort nicht. Fun fact: Sie mag nicht einmal Cappuccino! Zum Glück waren Piotrs Dänisch- und Stanis Farsikenntnisse noch nicht ganz eingerostet, so dass die Kommunikation über das Heißgetränk hinausgehen konnte.

So kam das Gespräch bei einer Waffel mit heißen Kirschen auf die damals aktuellen Terror-Geschehnisse in Paris und wir überlegten, ob wir französische oder französischsprechende Freunde hätten. Gerade in solchen Situationen wäre es gut, wenn jeder eine Ansprechperson zur geopolitischen Lage hätte. Damit eine gewisse emotionale Distanz gewahrt bliebe, wäre es aber sicher angemessener, wenn man sich nicht wirklich kennen würde, und so beschlossen wir, diese französischen Freunde untereinander auszutauschen. Auch durchforsteten wir unsere Freundeskreise nach anderen Nationalitäten oder Minderheiten, damit man im Notfall  immer jemanden parat habe. Gemeinsam kamen wir auf etwa 81 Länder und Ethnien und verblieben beim Ausstieg in Berlin so, dass wir diese Ressourcen gemeinsam nutzen wollten.

Ein Beweisbild, dass wir wirklich mindestens einmal mit einem Zug fuhren.

Außerdem trafen wir auf einen Passagier, der sich beruflich und privat ganz den Neurowissenschaften hingegeben hatte. So erfuhren wir von ihm allerhand über die Wirkungsweise von Metocin, Pilzen und Lysergsäurediethylamid: zum Beispiel, dass die Realität wie eine schlecht-gerenderte Computergraphik aussehen kann, also sich etwa die Bäume aus lauter groben Polygonen zusammensetzen. Eine schöne Anekdote die er mit uns teilte, war die eines betrippten Besuchs im Haus der 100000 Bücher. Ein verrückter Ort, an dem es nur so wimmelt von Zeugen untergegangener Epochen und Imperien (Geschichte Roms, Windows95-Ratgeber) und der bereits im unberauschten Zustand zu hysterischem Gelächter und Panikattacken einlädt. Gerade in Bezug auf letzteres wurde uns empfohlen in unserer Familiengeschichte nach psychischen Störungen und Abhängigkeiten zu fahnden, bevor wir eine bestimmte Substanz einnehmen wöllten. Er selbst habe bisher nur eine einzige schlechte physische Erfahrung gemacht, die er auf die mangelhafte Qualität des Präparats zurückführte. Daher riet er auch zu Eigenproduktion oder -anbau, wobei der Syntheseprozess für bestimmte Produkte zu aufwändig sei und man sich dann doch auf dem Markt umschauen müsse (Stichwort: Darknet).

In diesem Zusammenhang kam die Idee auf, eine Nischenfetischwebsite zu etablieren. Mit dieser Seite wollten wir all jenen Menschen eine Plattform bieten, die beispielsweise nur Erregung spüren können, wenn sie Videos von Affen schauen, die Menstruationsblut und Kot vermischen und damit auf Zoobesucher werfen. Oder auch Menschen, die sich Vorspiel und Verkehr ohne das Ploppen von diesen Luftkammerfolien nicht mehr vorstellen können (#Problemfetisch). Der Vertrieb würde dann möglichst anonym vonstattengehen (auch hier: Darknet¹) und als Zahlungsmittel werden wir nur Gold, Gemälde, Elfenbein und bitcoins akzeptieren. Ausgeliefert würden die Videos auf alten VHS-Kassetten, die die Leute – der zusätzlichen gewünschten Demütigung wegen – von Hand vor dem ersten Gebrauch zurückspulen müssten. Nach einer schnellen Runde Tic-Tac-Toe auf dem Thermopapier der Quittung (Ergebnis: Unentschieden) trennten sich dann unsere Wege in Leipzig.

Für einige Menschen eine ganz normale Nachmittagsbeschäftigung.

Trivia: Das Gespräch führten wir wegen des zweitklassigen Fahrscheins unseres Gegenübers im Bordbistro. Dennoch konnten wir die Schaffnerin mit unseren Tickets überzeugen – obwohl wir nicht in der ersten Klasse saßen –  uns mit den uns zustehenden Haribo- und Crackerpäckchen zu versorgen. Nett wie sie war, überschüttete sie uns geradezu damit, so dass wir generös unserem Zweite-Klasse-Freund auch noch welche abgeben konnten. Wie groß dessen Freude war, kann man mit Worten kaum beschreiben (Ein Versuch: sehr).

Auf unserer Fahrt nach Wittenberg unterhielten wir uns mit einer gebürtigen Berlinerin, die bei einem großen deutschen Industriekonzern Assistentin des Leiters der Einkaufsabteilung war, dort mit Millionen jonglierte und sich ab und an mit Bundestagsabgeordneten traf (rein beruflich). Heute ist sie in Rente, wohnt in München und war nur auf Besuch in ihrer Geburtsstadt, beziehungsweise um sich dort als Stadtführerin ihres Freundes zu verdingen. Während dieses Kurztrips hatte sie sich im Theater am Schiffbauerdamm eine Brecht-Aufführung angesehen und war dementsprechend ein wenig wehmütig wieder zurück nach München zu müssen, in dieses – im Vergleich zu Berlin – kulturelle Dorf. Unser Bedauern war aufrichtig.

Einer ihrer Träume ist mit der transsibirischen Eisenbahn zu fahren, jedoch fürchtet sie sich vor den sanitären Anlagen und dem Schnarchen der Mitreisenden. Letzteres macht sie schon bei ihrem Freund so aggressiv, dass sie beinahe handgreiflich wird. Verständlicherweise hat sie deswegen Sorge, dass sie in Russland verhaftet und eingekerkert würde, nur weil sie in der transsibirischen Eisenbahn jemanden erschlagen hat. Wir hingegen waren einfach froh, dass wir dank DB-Lounge-Kaffee hellwach waren. Eine weitere ihrer Sorgen bezüglich des Eisenbahnurlaubs war, dass sich der Ausblick außer gelegentlichen Highlights wie dem Baikalsee recht monoton gestalten würde. Hier hatten wir – durch unsere vielen Fahrten gestählt – den guten Rat parat, sie könne bereits mit der Landschaft zwischen Berlin und Leipzig üben, mehr Monotonie sei schließlich kaum möglich.

Baikalsee oder Bitterfeld – Der Unterschied ist marginal.

Von einem weiteren Interviewpartner, mit dem wir im Bordbistro ins Gespräch kamen, wurde uns die Investition in genossenschaftlich organisierte landwirtschaftliche Betriebe ans Herz gelegt. Denn dadurch bekomme man nicht nur das Gefühl Gutes zu tun, eine ausgeschüttete Dividende und die Möglichkeit sich in Kriegszeiten zu versorgen. Nein! Obendrein erhielte man auch den Steuerstatus „Landwirt“, mit dem man in den Finanzämtern der urbanen Region Berlin zumindest ein wenig Erstaunen bei den Beamten hervorrufen kann. Wir haben es uns notiert (wie man lesen kann).

¹ Doch aufgepasst, Cyberkriminelle! Das Bundesministerium des Inneren ist bald mit „Cyber-Ermittlern“ unterwegs.